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Sprachen und Mundarten in Barock und Aufklärung.

 

Reflexion im deutschen Sprachraum zur Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts.

 

Die Zeit des Barock und der Aufklärung ist eine Epoche starker sprachlicher und kultureller Veränderungen; dies gilt auch und gerade für den deutschen Sprachraum (Alamode-Zeit und Sprachpurismus, Entstehung deutscher Wissenschaftssprachen, westober- und ostmitteldeutsche Dialektkonkurrenz usw.). Vor diesem Grund wurden in den 1990er Jahren an der Universität Heidelberg im Rahmen eines Drittmittel­projekts 642 Quellen vom Ende des 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts exzerpiert, um ein Wörterbuch zur Sprachreflexion dieser Epoche zu verfassen. Das Projekt wurde geleitet von Andreas Gardt, Oskar Reichmann und Thorsten Roelcke und erfuhr eine Förderung durch die VolkswagenStiftung im Rahmen von umgerechnet rund 250.000 Euro. Das Wörterbuch wurde zwar nicht fertig gestellt, doch wurde eine Reihe an Aufsätzen publiziert, sodass das Projekt offiziell abgeschlossen werden konnte. 

Im Folgenden findet sich eine Liste von Publikationen zur Reflexion einzelner Sprachen und Varietäten sowie ein Musterbeitrag (Probeartikel)

 

 

Publikationen (Teilprojekt: Reflexion einzelner Sprachen)

 

Roelcke, Thorsten: Einzelsprachen im Werturteil deutscher Sprachdenker des Barock und der Aufklärung. Teil 2: Negative Beurteilungen. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 135 (2016), S. 89–109.

Roelcke, Thorsten: Einzelsprachen im Werturteil deutscher Sprachdenker des Barock und der Aufklärung. Teil 1: Positive Beurteilungen. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 134 (2015), S. 431–467.

Roelcke, Thorsten: Zum Gebrauch von Keltisch im deutschen Sprachdenken des Barock und der Aufklärung. In: Wirkendes Wort 65 (2015), S. 105–116.

Roelcke, Thorsten: Adamische Sprache. Genealogische Eigentlichkeit im deutschen Sprachdenken das Barock und der Aufklärung. In: Eigentlichkeit. Zum Verhältnis von Sprache, Sprechen und Welt. Hrsg. von Claudia Brinker-von der Heyde, Nina Kalwa, Nina-Maria Klug und Paul Reszke. Berlin, München, Boston: de Gruyter, 2015, S. 85–102.

Roelcke, Thorsten: Französisch in Barock und Aufklärung. Studien zum Sprachdenken im Deutschland des 17. und 18. Jahrhunderts. Frankfurt: Klostermann, 2014 (Analecta Romanica 82). 258 S.

Roelcke, Thorsten: Latein, Griechisch, Hebräisch. Studien und Dokumentationen zur deutschen Sprachreflexion in Barock und Aufklärung. Berlin, Boston: de Gruyter, 2014 (Studia Linguistica Germanica 119). XII, 475 S.

Roelcke, Thorsten: Das Italienische in der deutschen Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung. In: L’Analisi Linguistica e Letteraria 19 (2011 [2012]), S. 269-301.

Roelcke, Thorsten: Die englische Sprache im deutschen Sprachdenken des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft 13 (2003), S. 85-113.

Roelcke, Thorsten: Das Niederländische in der deutschen Sprachreflexion des Barock und der Aufklärung. In: Das Wort. Seine strukturelle und kulturelle Dimension. Festschrift für Oskar Reichmann zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Vilmos Ágel, Andreas Gardt, Ulrike Haß-Zumkehr und Thorsten Roelcke. Tübingen: Niemeyer, 2002. S. 303-319.

 

 

 

Probeartikel

 

Adamisch

 

 

Beleglage 

Das Belegkorpus umfasst insgesamt gut dreißig Belege aus elf Quellen. Etwa die Hälfte der Belege stammt aus der Mitte und der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (Harsdörffer: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645; Harsdörffer: Specimen Philologiæ Germanicæ, Nürnberg 1646; Harsdörffer: Delitiæ Philosophicæ et Mathematicæ, Nürnberg 1692; Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651; Overheide: Edle Schreibkunst, Braunschweig 1665); ein Beleg aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts verweist bereits auf Böhme und somit auf den Beginn des 17. Jahrhunderts (Leibniz: Nouveaux essais, 1704/65, 20). Die andere Hälfte erstreckt sich im Weiteren auf die erste Hälfte und die Mitte des 18. Jahrhunderts (Reimann: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709; Pufendorff: Natur= und VölckerRecht, Frankfurt/M. 1712 [lat. Ausg. 1672]; Wack: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713; Gatterer: Synchronistische Universalhistorie, Göttingen 1771; Bodmer: Von dem Wunderbaren in der Poesie, Zürich 1740).

 

 

Wortgebrauch

Das Adjektiv adamisch (daneben auch adamsch oder adamitisch) ist in den Belegen stark vertreten (immer in Großschreibung); seltener begegnet auch das Substantiv Adamisch (daneben auch französisch Adamique); in sprachreflexivem Zusammenhang wird oft auch von Adam und seiner Sprache gesprochen. Das Adjektiv adamisch attribuiert entweder Sprache oder Mundart: adamische Sprache / Mundart. Das Substantiv Adamisch und das Adjektiv adamisch werden bisweilen mit rechte oder erste attribuiert: erste / rechte adamische Sprache [usw.]. In Prädikationen ist das Adamische im Vergleich zu anderen Sprachen weniger ausgearbeitet, bedeutlich, eigentlich, unterschiedlich oder vollkommen. Im Hinblick auf die Entwicklung des Adamischen finden sich Wendungen wie die adamische Sprache fortpflanzen / unverrückt behalten; im Hinblick auf die Entwicklung anderer Sprachen heißt es etwa aus der adamischen Sprache fließen / entsprießen / gebildet werden. Adamisch wird in den Quellen zumeist zu Ebreisch (Hebräisch) synonym verwendet; in entsprechenden Kontexten findet sich dann bisweilen auch die Doppelform Adamisch und Ebreisch.

 

 

Genealogie und Typologie

Die Sprachreflexion des 17. Jahrhunderts geht von einer gemeinsamen Ursprungssprache der gesamten Menschheit aus. Diese Ursprungssprache wird dabei in der Regel in Anlehnung an Genesis 2, 19f. mit der Sprache Adams gleichgesetzt. Eine für die Barockzeit typische Formulierung dieser theologisch-spekulativen Variante der Sprachursprungsdebatte liefert hier zum Beispiel Gebhard Overheide: Weil dann Adam anfangs das heilige Geschöpff GOttes wahr / welchem GOtt selbst seinen Göttlichen Odem eingeblasen / und ein so grosses Liecht der Natur mitgetheilet / So hat er auch vermuhtlich ebener massen die Eigenschafft der Menschlichen Rede und Sprache können wissen (Overheide: Edle Schreibkunst, Braunschweig 1665, Af.). Als die Sprache Adams wird hier konkretisierend wiederum zumeist das Hebräische angesehen, so auch von Overheide: Daher der von GOtt so edel und klug erschaffene Adam (auß erklärlicher Betrachtung / daß er allein unter allen irrdischen Geschöpffen GOttes / mit der Sprache und Rede begabet) wird mit sonderen Fleiß auf die Unterschiedligkeit / des Lauts seiner Rede gemercket / und solchen unterschiedlichen Laut / mit unterschiedlichen Zeichen oder Buchstaben abgebildet haben / Und ist dieses umb so viel mehr glaublich / weil man dafür gewiß hält / daß die Hebraische Sprache sey die erste und allgemeine Sprache gewesen (ebd., A).

In diesem Sinne setzt auch Philipp von Zesen die Sprache Adams, die adamische Sprache mit der hebräischen Sprache gleich und betrachtet sie als die erste Sprache der Menschheit, aus der sich dann nach der Babylonischen Sprachverwirrung sämtliche anderen Sprachen der Erde entwickelt haben: Sie ist die erste und der anfang der sprachen (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 202); das Adamische erhält so den Rang einer rechten sprachen-mutter / aller Europischen / auch wohl andrer sprachen (ebd., 233). Die adamische Sprache selbst ist nach Zesen vor und nach der Sprachverwirrung von keinen Veränderungen betroffen; sie bleibt vielmehr sprachgeschichtlich konstant (unverrükt) und zeigt daher ihre ursprünglichen Eigenschaften bis in die Gegenwart des siebzehnten Jahrhunderts hinein (ebd., 104f.) – eine Vorstellung, die Zesen ausdrücklich zur Grundlage sprachlicher Wertung macht (vgl. unten). Die gemeinsame Abstammung der Sprachen der Welt von der adamischen Sprache ist laut Zesen auch der vornehmliche Grund dafür, dass zwischen all diesen Sprachen vielfältige Gemeinsamkeiten zu beobachten sind: Sprachliche Interferenz wird demgegenüber (insbesondere auch hinsichtlich des Deutschen einerseits sowie des Lateinischen und Griechischen andererseits) als Grund für solche sprachlichen Gemeinsamkeiten weitgehend ausgeschlossen (ebd., 203f.). Mit dieser genealogischen Argumentation unternimmt Zesen bereits einen ersten etymologischen Emanzipationsversuch für das Deutsche gegenüber den klassischen Kultursprachen (das Französische findet in diesem Zusammenhang noch keine Erwähung) und erweist sich damit als ein typischer Vertreter barocken Sprachdenkens.

Ganz anders argumentiert hier der Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz (Nouveaux essais, 1704/65, 20f.): Auch Leibniz nimmt zunächst einen gemeinsamen Ursprung sämtlicher Sprachen an. Doch leitet er auch das Hebräische (etwa neben dem Arabischen) aus dieser adamischen Sprache ab, setzt also die hebräische Sprache ausdrücklich nicht mit dem Adamischen gleich; das Adamische bleibt also nach Leibniz im Gegensatz zu Zesen nicht unverändert erhalten, sondern erfährt eine deutliche Weiterentwicklung. Hiernach weisen nun sämtliche Sprachen der Erde mehr oder weniger starke Bezüge zu der adamischen Ursprungssprache auf. Mit dieser Vorstellung erweist sich Leibniz zunächst einmal grundsätzlich als Vertreter einer rationalistisch-spekulativen Variante der Sprachursprungsdebatte. In die Tradition barocker Sprachreflexion stellt er sich jedoch, indem er für das Deutsche einen im Vergleich zu anderen Sprachen hohen Grad an Ursprünglichkeit annimmt und somit dessen Rang als Kultursprache unterstreicht: Si l’Hebraïque ou 1 Arabesque y approche le plus, elle doit estre au moins bien alterée, et il semble que le Teuton a plus gardé du naturel, et (pour parler le langage de Jacques Böhm) de 1’Adamique [...]. (ebd., 20).

Die Annahme, das Deutsche zeige einen vergleichsweise hohen Grad an Ursprünglichkeit, ist für manche Gelehrten, insbesondere aus der Zeit des Barock, Grundlage für eine weitere sprachgenealogische Spekulationen, der zufolge diese Ursprünglichkeit des Deutschen darauf beruhe, dass eben das Deutsche selbst die adamische Ursprungssprache darstelle. Eine solche These formuliert typischerweise etwa Georg Philipp Harsdörffer und räumt somit dem Deutschen eine Vorrangstellung gegenüber den „klassischen“ heiligen Sprachen Hebräisch, Latein und Griechisch ein: Die Natur redet in allen Dingen / welche ein Getön von sich geben / unsere Teutsche Sprache / und daher haben etliche wähnen wollen / der erste Mensch Adam habe das Geflügel und alle Thier auf Erden nicht anderst als mit unseren Worten nennen können / weil er jedes eingeborne selbstlautende Eigenschafft Naturmässig ausgedruket (Harsdörffer: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 357). Oder an anderer Stelle: Adam hat einem jeglichen Viehe und Vogel unter dem Himmel / und einem jeden Thier auf dem Felde seinen Namen gegeben / nachdem er sie gesehen / und ihre Eigenschafft erkennet / welche Namen ihnen auch auf Göttliches Gutheissen geblieben [...]. Hieraus will vorgerühmter Becanus behaupten / daß die Teutsche und alt=Sächsische Sprache die erste und älteste seye / weil in keiner andern die Wort mit der Thiere Stimme und aller klingenden Tönung übereintreffe / als in besagter (Harsdörffer: Delitiæ Philosophicæ et Mathematicæ, Nürnberg 1692, 41).

Doch die These einer adamischen oder hebräischen oder gar deutschen Ursprungssprache bleibt im 17. und 18. Jahrhundert nicht unwidersprochen: So entgegnet etwa Jacob Friedrich Reimmann, daß aus denen H. Schriften nicht einmahl zu erweisen sey / daß der Adam denen Thieren die Namen gegeben habe / ich geschweige denn / daß wir dieses daraus deduciren könten / daß er ihnen solche Namen beygeleget / die mit ihren wesentlichen Beschaffenheiten eine Ubereinstimmung haben (Reimmann: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 53). Und in Entsprechung hierzu weist Reimmann sämtliche Spekulationen über den Ansatz anderer Ursprungssprachen wie das Ebräische, das Griechische, das Æthiopische, das Syrische, das Cimbrische oder das Holländische ausdrücklich zurück und entkräftet darüber hinaus auch solche Vorstellungen, nach denen sich das Hebräische in Folge der Babylonischen Sprachverwirrung in verschiedene dialectos und Mundarten / und endlich gar in andere Sprachen verwandelt habe (ebd., 44f.). Hiermit nimmt Reimmann vergleichsweise früh eine rationalistisch-skeptische Position gegenüber der theologisch-spekulativen Variante der verbreiteten Sprachursprungsdebatte ein, die noch weit in die Zeit der Aufklärung hineinreicht. Diese theologisch-spekulative Variante findet in den Ausdrücken Adamisch und adamische Sprache ihren terminologischen Niederschlag, der mit Reimmann und anderen Vertretern einer rationalistisch-skeptischen Position eine funktionalisierende, wenn nicht gar säkularisierende Bedeutungsverschiebung erfährt.

Das Belegkorpus erlaubt keine Rückschlüsse auf zeitliche, räumliche, soziale oder funktionale Gliederungen der adanmischen Ursprungssprache; mit Zesen ist eine weitere Gliederung des Adamischen sogar ausdrücklich auszuschließen. Allein die kontroversen Thesen von Zesen (historische Konstanz) einerseits und von Leibniz und anderen (historische Veränderung) andererseits lassen die Historizität des Adamischen als ein Problem für die Sprachreflexion des 17. und 18. Jahrhunderts deutlich werden. Sprachtypologische oder gar universalistische Gesichtspunkte der adamischen Sprache schließlich werden nicht diskutiert.

 

 

Charakteristika

Innersprachliche Charakteristika des Adamischen werden insbesondere im Hinblick auf dessen System erörtert. Hierbei finden vor allem Lautung und Schreibung sowie der Wortschatz im Hinblick auf Genealogie und Inventar Berücksichtigung. Die Beschreibungsebenen Morphologie, Syntax und Text bleiben demgegenüber unbeachtet.

Im Hinblick auf die Lautung werden der adamischen Sprache onomatopoetische Qualitäten zugesprochen, die aus der Benennungspraxis nach Genesis 2, 19f. herrühren sollen: Nach Harsdörffer habe Adam aller Thier [...] eingeborne selbstlautende Eigenschafft Naturmässig ausgedruket (Harsdörffer: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Nürnberg 1645, 357), nachdem er sie gesehen / und ihre Eigenschafft erkennet (Harsdörffer: Delitiæ Philosophicæ et Mathematicæ, Nürnberg 1692, 41). Eine solche Vorstellung ist indessen nicht allein für die Zeit des Barock (vgl. generalisierend Samuel Freyherr von Pufendorff: Natur= und VölckerRecht, Frankfurt/M. 1712 [lat. Ausg. 1672], 748), sondern durchaus auch für diejenige der Aufklärung typisch. So stellt etwa Johann Christoph Gatterer das onomatopoetische Wortschöpfungsverfahren Adams noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie folgt dar: Der Schöpfer führte ihm die Thiere des Gartens vor. Adam sah sie, und ihre Gestalt, Farbe, Bewegungen, Geschrey, und wer weis was noch für Umstände, die ihm bey dieser Musterung in die Sinne fielen, gaben ihm Bilder und Begriffe von diesen Thieren, und zugleich die ersten Töne oder Namen, wodurch er die Thiere bezeichnete. Adam sah z. E. das Schaaf, und hörte es blöcken, er blöckte nach, und dieser nachgeahmte Ton konnte gleich der Name des Schaafes (ein Onomatopoëticon) werden. So oft er an das Schaaf dachte, dachte er diesen Ton, und umgekehrt (Gatterer: Synchronistische Universalhistorie, Göttingen 1771, 102f.). Im Sinne der Sprachreflexion des 17. und 18. Jahrhunderts garantiert dieses Verfahren ausdrucksseitige, genauer: artikulatorische Eigentlichkeit oder Angemessenheit der adamischen Sprache (vgl. etwa Wack: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 229f.).

Adam wird hier jedoch nicht allein als Schöpfer der gesprochenen Sprache, sondern darüber hinaus auch als derjenige der Schrift angesehen. Dabei wird angenommen, dass es von der Entwicklung der Sprache selbst nur noch ein kurzer Weg zur Entwicklung der Schrift gewesen sei. Der Ursprung des Redens ist viel schwerer zu ergründen / als der Ursprung des Schreibens (Reimmann: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 36); daher dürfe angenommen werden, dass Adam der erste gewesen / der den Buchstaben eine sichtbare Gestalt gegeben (ebd., 35). Auf Grund solcher oder vergleichbarer Vorstellungen werden nun die adamischen bzw. hebräischen Schriftzeichen als Grundlage sämtlicher anderen Schriftsysteme, die sich bislang in den Sprachen der Welt herausgebildet haben, angesehen: Dan wie die sprachen oder mund-ahrten der welt alle aus der ersten Adamischen geflossen / so seind die so viel unterschiedliche buchstaben oder unterschiedenen völker und unterschiedenen sprachen / schier auch aus den ersten / den Ebrischen / die ausser allem zweifel die ersten seind / hergeflossen und nachgebildet worden (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 128). Dabei wird (wohl im Hinblick auf die Kennzeichnung von Vokalen im hebräischen System) die Armut des Adamischen an Buchstaben vermerkt und bemängelt (ebd., 202) – vermutlich (aber nicht ausdrücklich belegt) mit als Grund für die angenommene Weiterentwicklung dieses Schriftsystems.

Adam ist für zahlreiche Gelehrte aus Barock und Aufklärung nicht allein der Schöpfer der sprachlichen (lautlichen oder schriftlichen) Ausdrücke, sondern auch und vor allem der sprachlichen Bedeutungen. Dieser semantischen Schöpfung von Wortbedeutungen wird Vorrang vor der (artikulatorischen) Schöpfung von Wortausdrücken eingeräumt. So heißt es beispielsweise noch bei Johann Christoph  Gatterer: Freylich kann kein Mensch ohne Bilder denken, und also konnte es Adam auch nicht: allein er dachte auch zuerst nur Bilder, und verband hernach mit diesen Bildern, und den Ideen derselben artikulirte Töne, die allzeit das Bild der Sache, auch in Abwesenheit der Sache, und noch mehr durch die Gegenwart der Sache erneuerten (Gatterer: Synchronistische Universalhistorie, Göttingen 1771, 103f.). Das Verfahren der semantischen Schöpfung von Wortbedeutungen gewährt den Vorstellungen barocker und rationalistischer Sprachreflexion nach über die artikulatorische hinaus auch eine bedeutungsseitige bzw. semantische Eigentlichkeit oder Angemessenheit der adamischen Sprache. Bei Zesen heißt es hierzu: GOtt hatte ihm solche folkommene weisheit eingeschaffen / daß er ein ides ding / was ihm zu gesichte sties / straks / und nicht von ohngefähr oder oben hin / sondern nach angebohrner art und eigenschaft der geschöpfe / mit besondern / füglichen und eignen unterschiedlichen nahmen nennen / und eigendlich beschreiben mögen (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 104). Eine solche Konzeption semantischer Eigentlichkeit ist sicher typisch für das Sprachdenken des Barock wie auch noch in Teilen der Aufklärung. Umso mehr überrascht, dass ausgerechnet Zesen, der den Zustand der Eigentlichkeit in der adamischen bzw. hebräischen Sprache unterstreicht, deren ursprünglichen Zustand mit einer Armut an lexikalischem Inventar in Verbindung bringt und mit dem Hinweis auf die wenigkeit ihrer worte ein semantisches Defizit herausstellt (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 202f.). Dieser Argumentationsschritt wird allein vor dem Hintergrund eines patriotischen Strebens nach Emanzipation des Deutschen bei den Sprachgelehrten des Barock und der Frühaufklärung verständlich (vgl. unten).

 

 

Vergleich und Wertung

Die Unterschiede der Sprachen der Welt gegenüber der adamischen Sprache werden insbesondere im Hinblick auf Ausdruck und Bedeutung einzelner Wörter diskutiert. Dabei erweist sich der etymologische Zusammenhang zwischen der adamischen und den anderen Sprachen als durchaus problematisch. Zesen beschäftigt sich hier sowohl mit den Gemeinsamkeiten als auch mit den Unterschieden, die zwischen dem Deutschen und anderen Sprachen bestehen. So erklärt er die Gemeinsamkeiten zwischen dem Deutschen und den klassischen Kultursprachen Latein und Griechisch trotz Anerkennung unübersehbarer Entlehnungen vornehmlich aus deren genealogischer Verwandtschaft mit der adamischen Ursprungssprache und erachtet es somit als gantz ungereimt / wan man sagen will / dass dieses oder das deutsche wort / weil es einem andern in fremden sprachen ähnlich sihet / aus der oder der sprache geborget sei  (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 204 – vgl. auch ebd., 10f.; Leibniz: Nouveaux essais, 1704/65, 20f.). Die Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen führt Zesen jeweils auf Erneuerungen und Veränderungen des einzelsprachlichen Wortschatzes selbst zurück: Dan wie ein ding vielerlei eigenschaften hat / so hat es auch bisweilen vielerlei nen-wörter oder nahmen bekommen / auch selbst in einer sprache allein (ebd., 110). Solche Wortschatzentwicklungen innerhalb einzelner Sprachen werden zum einen auf verschiedene menschliche Sichtweisen, wie ein ding vielerlei eigenschaften hat (Zesen, ebd., 110) und zum anderen auf unterschiedliche außersprachliche Umstände, hazard, mais sur des raisons physiques (Leibniz, ebd., 22) zurückgeführt. Ein weiterer Grund mag aber auch (durchaus in Analogie zu der Entwicklung verschiedener Schriftsysteme) in der angenommenen Wortschatzarmut der adamischen Ursprungssprache, der wenigkeit ihrer worte (Zesen, ebd., 202) zu suchen sein, auf die hin dann aus den wenig worten / da oft eines viel dinge nohtwändig bedeuten mus / durch sotahnige verwandelung viel und unterschiedliche wörter gemacht (ebd.). wurden und somit zahlreiche einzelsprachliche Wortschatzerweiterungen erfolgten.

Die Ähnlichkeit des Deutschen mit anderen Sprachen wird nicht auf Interferenz zwischen diesen oder gar auf einseitige Entlehnung aus diesen zurückgeführt, sondern auf deren genealogische Verwandtschaft mit der adamischen Ursprungssprache: Die adamische Sprache wird auf diese Weise zur Grundlage einer für die Zeit des Barock charakteristischen genealogischen Emanzipation der deutschen gegenüber anderen Sprachen; dabei wird in diesem Zusammenhang insbesondere auf das Lateinische, Griechische und Arabische, nicht aber etwa das Französische hingewiesen (vgl. oben). Doch damit genug: Die Sprachreflexion in Barock und Aufklärung ist zum Teil darum bemüht, das Deutsche nicht allein dem Hebraischen, Griechischen und Lateinischen als Kultursprache gleichzustellen, sondern ihm unter diesen Sprachen sogar eine Sonderstellung einzuordnen. So rücken die zahlreichen Hinweise auf die artikulatorische und semantische Eigentlichkeit der deutschen Sprache (vgl. oben) das Deutsche in die Nähe der adamischen Sprache oder setzen es mit dieser bisweilen sogar gleich. Auf diese Weise wird das Deutsche gegenüber dem Lateinischen und dem Griechischen, unter Umständen auch gegenüber dem Hebraischen aufgewertet. In diesem Sinne ist denn auch die vorsichtig wertende Bemerkung von Leibniz aufzufassen, nach der le Teuton a plus garde du naturel, et [...] de l'Adamique (Leibniz: Nouveaux essais, 1704/65, 20). Eine weitere Steigerung erfährt dieses Verfahren schließlich, wenn das Deutsche als Kultursprache gegenüber dem Adamischen als Ursprungssprache abgegrenzt wird: Die Vorstellung, dass das Hebräische bzw. Adamische einerseits über ein unvollständiges Schriftsystem und andererseits über einen im Vergleich armen Wortschatz verfüge, lässt die Ursprungssprache gegenüber ihren weiter entwickelten Folgesprachen als mangelhaft, als unfolkommen oder gar schlecht (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 202) erscheinen. Angesichts dieser Systemmängel der adamischen Sprache wird dann die deutsche Sprache unter dem Hinweis auf Schwierigkeiten bei der Auslegung hebräischer Schriften als bedeutlicher (semantisch verstandlicher), eigentlicher (angemessener), unterschiedlicher (differenzierter) und ausgearbeiteter (kultivierter) angesehen (ebd.). Auf diese Weise versucht insbesondere Zesen, das Deutsche gegenüber dem Hebräischen bzw. Adamischen aufzuwerten und somit einen weiteren Beitrag zur Emanzipation der deutschen Sprache gegenüber den klassischen Kultursprachen zu leisten.

 

Belegzitate 

Die Natur redet in allen Dingen /  welche ein Getön von sich geben / unsere Teutsche Sprache / und daher haben etliche wähnen wollen  / der erste Mensch  Adam habe das Geflügel und alle Thier auf Erden nicht anderst als mit unseren Worten nennen können / weil er jedes eingeborne selbstlautende Eigenschafft Naturmässig ausgedruket; und ist sich deswegen nicht zu verwundern / daß unsere Stammwörter meinsten Theils mit der heiligen Sprache gleichstimmig sind. (Harsdörfer: Schutzschrift für die Teütsche Spracharbeit, Mirnberg 1645, 357)

Adam hat einem jeglichen Viehe und Vogel unter dem Himmel / und einem jeden Thier auf dem Felde seinen Namen gegeben / nachdem er sie gesehen / und ihre Eigenschaffl erkennet / welche Namen ihnen auch auf Göttliches Gutheissen geblieben / I. B. Mos. 2/19.20. Hieraus will vorgerühmter Becanus behaupten / daß die Teutsche und alt=Sächsische Sprache die erste und älteste seye / weil in keiner andern die Wort mit der Thiere Stimme und aller klingenden Tönung übereintreffe / als in besagter / welches Getön vermutlich / ohne alle Aenderung / von der Welt Anfang verblieben / und bis zu dem Ende verbleiben wird. (Harsdörfer: Delitiœ Philosophicœ et Mathematicœ, Nürnberg 1692, 41)

[...] und ob auch ein wort in unserer sprache mit demselben aus oder in der ersten / mit dem es ein gleiches ding bezeuchnet / in keinem halben klange oder buchstaben [ue[berein kähme / so folgt es doch  dannenher keines weges / dass es nicht aus der Adamischen ersten sprache und etwan nach des dinges beschaffenheiten / aus einer andern wurtzel oder stamworte derselben / als jenes ihr eignes / so eben dasselbe ding bezeuchnet / flüßet und gebildet worden. (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 10f.)

L. Sollte aber Adam nicht straks eine folkomne rede und sprache haben / wie gesagt / daß Diodor aus Sizilien gemeinet? M. Ja freilich. Dan er war gantz folkommen geschaffen / und daher hat er auch einen folkomnen und wohl-abgemässenen klang seiner worte geben können; Ja GOtt hatte ihm solche folkommene weisheit eingeschaffen / daß er ein iedes ding / was ihm zu gesichte sties / straks / und nicht von ohngefähr oder oben hin / sondern nach angebohrner art und eigenschaft der geschöpfe / mit besondern /füglichen und eignen unterschiedlichen nahmen nennen / und eigendlich beschreiben mögen / wie uns Gott selbst durch Mosen solches geoffenbahret. (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 104)

Dan es ist wohl gläublich / dass die Adamsche sprache / (die vom anfange der welt bis auf die Babelsche verwürr- oder vielmehr veränderung der ersten sprache in unterschiedliche mund-ahrten / 1932 jahr / wie die Schrift klärlich bezeuget / unverrükt und eine mund-ahrt geblieben/) eben dieselbe sei / welche die kinder Ebers / die sie vielleicht zu so trotzigen reden nicht gemisbrauchet / wie die Hamischen / oder bei ihrem Groß-vater dem Nohe / (so dazumahl noch lebete und gleich 857 jahr alt war / weil sein gantzes alter nach der Sündfluth 350 jahr gewesen / indem er im 50. jahre des Ertz-vaters Abrahams erst gestorben /) sich aufgehalten / und zu solchem hochmühtigen baue nicht geholfen / nachmahls unverrükt behalten / und nach ihrem nahmen genennet / damit sie von den andern daraus entsprossenen sprachen / oder vielmher mundahrten / möchte unterschieden werden. (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 104f.)

D. Aber mein Herr / weil ich fast so viel verstehe / dass die sprachen oder mund-arten der welt / alle von der ersten sprache flüßen; so mus ich fragen: wie es komme / dass die wörter in unterschiedlichen mundarthen / die ein gleiches ding bedeuten / gantz unterschiedlich seind / und nicht einen hal oder klang / noch buchstaben / wan man es geschrieben siehet / von dem worte der ersten Adamischen sprache haben? M. Es were närrisch zu gläuben / dass ein wort in denen itzt üblichen sprachen oder vielmehr mund-ahrten allezeit von dem-selben aus der ersten / das ein gleiches ding mit diesem bedeutet / herflösse. Dan wie ein ding vielerlei eigenschaften hat / so hat es auch bisweilen vielerlei nen-wörter oder nahmen bekommen / auch selbst in einer sprache allein. (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 110)

Solcher gestalt haben die unterschiedlichen Völker der Welt auch unterschiedliche buchstaben zu ihren unterschiedlichen mund-ahrten erfunden / oder vielmehr die alten' ein wenig verändert und verzwikket. Dan wie die sprachen oder mund-ahrten der welt alle aus der ersten Adamischen geflossen / so seind die so viel unterschiedliche buchstaben oder unterschiedenen völker und unterschiedenen sprachen / schier auch aus den ersten / den Ebrischen / die ausser allem zweifel die ersten seind / hergeflossen und nachgebildet worden. (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 128)

Darum darf ich wohl sagen / dass unsere itzige sprache bedeutlicher / eigendlich / unterschiedlicher und ausgearbeiteter / ja daher folkomner ist als die erste Adamische oder Ebrische / welche als die erste und der anfang der sprachen / ja daher noch unfollkommener / auch wohl folkommener würde sein gemacht worden / wan man sie noch weiter fortgepflantzet. Dan sie ist in vielen noch gantz schlecht / d. i. man hat die wenigkeit ihrer worte / oder die darinnen befindliche buchstaben / in ihre verwante / nicht so viel verwandelt und wieder verwandelt / wie in der unsrigen geschehen; und aus den wenig worten / da oft eines viel dinge nothwändig bedeuten mus / durch sotahnige verwandelung viel und unterschiedliche wörter gemacht / die für andern / denen sie doch des ursprungs wegen gleich seind / sonderliche wörter zu sein scheinen / und also die undeutligkeit und verwirrung wegnehmen / und unterschiedliche dinge unterschiedlicher betzeuchnen könten. Auf solche weise dürften die Ebrischen sprachlehrer so nicht grübeln / und ihre sinnen brechen / wan sie eines wortes / das bei ihnen oft so viel unterschiedliche dinge bezeuchnet / eigendliche bedeutung ergrübeln wollen. (Zesen: Rosen =mând, Hamburg 1651, 202f.)

Aber wie in allen sprachen oder mund-arthen / durch handeln und wandeln der frembdlinge untereinander / fremde wörter einzuschleichen pflegen / so haben sich dergleichen auch in unsere sprache bisweilen eingeschlichen / da sie doch von sich selbst reich genug ist / und keine neue wörter lehnen darf. Daß sie aber mit fremden mund-arthen / als der Lateinischen / Griechischen und andern in vielen wörtern eine ähnligkeit hat / das kommet daher / weil alle sprachen oder mund-ahrten aus einem uhrsprunge / nämlich aus der Adamischen sprache geflossen: und daher ist es gantz ungereimt / wan man sagen will / dass dieses oder das deutsche wort / weil es einem andern in fremden sprachen ähnlich sihet / aus der oder der sprache geborget sei. (Zesen: Rosen =mând, Hamburg 1651, 203f.)

D. Ich kann mich nicht gnug wundern / daß man bißher so einhällig fürgegeben / daß der gantze grund und stam der Hochdeutschen sprache auf eingliedrigen nenn-wörtern (a) allein bestünde: da sie doch / fast nach iedermans meinung / der ersten Adamischen oder Ebrischen sprache am allermeisten nach-ahrtet / und fast ebener maßen ihren stam meistenteils / ja gleichsam in den zeit-wörtern suchet. (Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 208.)

Daher der von GOtt so edel und klug erschaffene Adam (auß erklärlicher Betrachtung / daß er allein unter allen irrdischen Geschöpffen GOttes / mit der Sprache und Rede begabet) wird mit sonderen Fleiß auf die Unterschiedligkeit / des Lauts seiner Rede gemercket / und solchen unterschiedlichen Laut / mit unterschiedlichen Zeichen oder Buchstaben abgebildet haben / Und ist dieses umb so viel mehr glaublich / weil man dafür gewiß hält / daß die Hebraische Sprache sey die erste und allgemeine Sprache gewesen / massen im 11. Capittel des ersten Buchs Mosi also stehet; Es hatte aber alle Welt einerley Sprache und Zunge; Auch GOtt der HErr selbst nochmals seine Gesetze in solcher dem Volcke GOttes bekanten Hebraischen Sprache hat geschrieben. (Gebhard Overheide: Edle Schreibkunst, Braunschweig 1665, A)

Weil dann Adam anfangs das heilige Geschöpff GOttes wahr / welchem GOtt selbst seinen Göttlichen Odem eingeblasen / und ein so grosses Liecht der Natur mitgetheilet / So hat er auch vermuhtlich ebener massen die Eigenschafft der Menschlichen Rede und Sprache können wissen / und nach deren verenderlichen Laut / die unterschiedlichen SchrifftZeichen bilden / Inmassen es sonst mit Erfindung anderer natürlichen Künste und Wissenschafften eben also bewandt / daß Gott dieselbe den Menschen durch die Natur zu erfinden / selbst an die Hand giebet / Und kann noch ein vernünfftiger Mensch / wann er in der Gottesfurcht mit Fleiß der natur nachsinnet / viel schönes Dinges begreifen und erfinden / ob er gleich dasselbe vorhero nicht hat gesehen / gehöret und erlernet. (Gebhard Overheide: Edle Schreibkunst, Braunschweig 1665, Af.)

De sorte qu'il n'y a rien en cela, qui combatte et qui ne favorise plustost le sentiment de l'origine commune de toutes les Nations, et d'une langue radicale et primitive. Si l'Hebraïque ou l'Arabesque y approche le plus, elle doit estre au moins bien alterée, et it semble que le Teuton a plus gardé du naturel, et (pour parler le langage de Jacques Böhm) de 1 'Adamique: car si nous avions la langue primitive dans sa pureté, ou assés conservée pour estre reconnoissable, it faudroit qu’il y partût les raisons des connexions soit physiques, soit d'une institution arbitraire, sage et digne du premier autuer. Mais supposé que nos langues soyent derivatives, quant au fonds elles ont neantmoins quelque chose de primitif en elles mêmes, qui leur est survenu par rapport à des mots radicaux nouveaux, formés depuis chez elles par hazard, mais sur des raisons physiques. (Leibniz: Nouveaux essais, 1704/65, 21f.)

Die potentia loquendi ist bey demselben so wenig eine potentia naturalis gewesen / als die potentia scribendi: Und da wir das eine ohne weitere Rückfrage und difficultœten glauben / daß er der erste gewesen / der sich zum äusserlichen Ausdruck seiner innern Gedancken gewisser Buchstaben / Syllaben und Worte bedienet / die er durch Hülffe seines Mundes und seiner Zungen ausgesprochen: so können wir das andere mit guten Gewissen auch wohl verstatten / daß er der erste gewesen / der den Buchstaben eine sichtbare Gestalt gegeben / und dadurch seine Gedanken auch denen Abwesenden zu entdecken / sich beflissen hat. Der Ursprung des Redens ist viel schwerer zu ergründen / als der Ursprung des Schreibens. Und ich kann mir tausendmahl ehe einen begriff machen / wie das zugegangen / da die menschen zum erstenmal einander durch Schrifften ihre Gemlüths=Meynungen entdecket: Als wie das möglich gewesen / daß sie einander durch einen gewissen Schall in der Lufft ihre Hertzens=Gedancken offenbaren können. (Reimmann: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 35f.)

Einige halten das Ebräische / einige die Griechische / einige die Æthiopische / einige die Syrische / einige auch sogar die Cimbrische oder Holländische vor die erste / älteste und Adamische Sprache. Einige hingegen bestehen gantz steiff und fest darauff / daß die lingua Primœva in der Babylonischen Sprach=Verwirrung mit verschlungen und verlohren gangen sey. Und wenn wir und denn nun schon zu dem grössesten Hauffen halten / und die hypothesin mit annehmen wollen / daß die Ebräische Sprache die erste sey / so sind wir doch hernachmals nicht versichert / ob dieselbe in dem Fortgang derer Zeiten da sich die menschen auf der erden vermehret / und sich in verschiedene Länder nach denen verschiedenen plagis und climatis des Himmels ausgebreitet nicht auch in verschiedene dialectos und Mundarten / und endlich gar in andere Sprachen verwandelt habe ? (Reimmann: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 44f.)

Du stehest, daß aus denen H. Schriften nicht einmahl zu erweisen sey / daß der Adam denen Thieren die Namen gegeben habe / ich geschweige denn / daß wir dieses daraus deduciren könten / daß er ihnen solche Namen beygeleget / die mit ihren wesentlichen Beschaffenheiten eine Ubereinstimmung haben. (Reimann: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, 53)

Darüber sich nicht zu verwundern / weil Adam der vollkommenste Mensch / da er noch das Ebenbild GOttes an sich hatte / und im Stand der Unschuld war / die Sprach unmittelbar von GOtt empfieng / und alle Menschliche Weißheit im höchsten Grad innen hatte / allen Thieren ihren Nahmen gab / und darüber das Zeugnüß von GOtt hatte; daß er selbe gantz eigentlich getroffen. (Johann Conrad Wack: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 229f.)

Freylich kann kein Mensch ohne Bilder denken, und also konnte es Adam auch nicht: allein er dachte auch zuerst nur Bilder, und verband hernach mit diesen Bildern, und den Ideen derselben artikulirte Töne, die allzeit das Bild der Sache, auch in Abwesenheit der Sache, und noch mehr durch die Gegenwart der Sache erneuerten. (Gatterer: Synchronistische Universalhistorie, Göttingen 1771, 103f.)

Auf welche Art verwahrte Adam den gesammelten Schaz von Gedanken? Innerlich durch die Einbildungskraft und das Gedächtnis: äuserlich durch die artikulirten Töne seiner Kehle. [...]. Er nähert sich einem Baume, und mitten in dem Genusse der Früchte desselben nöthigt ihm das dabey empfundene Vergnügen artikulirte Töne der Freude ab, und einer dieser Töne ward vielleicht der Name des Baums oder der Frucht. – Der Schöpfer führte ihm die Thiere des Gartens vor. Adam sah sie, und ihre Gestalt, Farbe, Bewegungen, Geschrey, und wer weis was noch für Umstände, die ihm bey dieser Musterung in die Sinne fielen, gaben ihm Bilder und Begriffe von diesen Thieren, und zugleich die ersten Töne oder Namen, wodurch er die Thiere bezeichnete. Adam sah z. E. das Schaaf und hörte es blöcken, er blöckte nach, und dieser nachgeahmte Ton konnte gleich der Name des Schaafes (ein Onomatopoëticon) werden. So oft er an das Schaaf dachte, dachte er diesen Ton, und umgekehrt. (Gatterer: Synchronistische Universalhistorie, Göttingen 1771, 102f.)

 

 

Belegstellen

Harsdörfer: Specimen Philologice Germanicœ, Nürnberg 1646, 282; Zesen: Rosen=mând, Hamburg 1651, 105, 233f.; Reimmann: Historia Literaria Antediluvianam, Halle 1709, Bi, 34f., 51f.; Wack: Entstehung des Deutschen, Regensburg 1713, 230; Bodmer: Von dem Wunderbaren in der Poesie, Zürich 1740, 190f.; Gatterer: Synchronistische Universalhistorie, Göttingen 1771, 101f.; Pufendorff: Natur= und VölckerRecht, Frankfurt/M. 1712 [lat. Ausg. 1672], 748.

 

 

Vergleiche: Hebräisch, Ursprache.